Ich beim Zubereiten eines Arepas, einem Maisfladen der hier das täglich Brot ersetzt.


Es sind jetzt schon knapp zwei Monate vergangen seit dem ich voller Eile und Zerstreutheit das Flugzeug bestiegen habe, dass mich auf einen fremden Kontinent bringen sollte, in das Land welches nach seinem Entdecker benannt wurde: Kolumbien. Jetzt sitze ich hier am Fuße der Anden in Medellin, „der Stadt des ewigen Frühlings“, und kann die absurde Tatsache, dass mich ein ganzer Ozean und knappe 10.000 Kilometer von meiner Heimat trennen, noch nicht fassen.

 Hier habe ich nun meinen einjährigen Internationalen Freiwilligendienst angetreten. Ich bin einer von insgesamt 7 Freiwilligen die „die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ nach Medellin in die Fundacion Arca Mundial entsandt haben.  Wir wohnen hier alle verteilt auf zwei Zimmern direkt in der Einrichtung. „Die Arche der Welt“ wie man den Namen der Fundacion übersetzen kann, ist eine Waldorfschule für Menschen mit Lernproblemen und Behinderungen. Die Betreuten, hier Muchachos genannt, sind im Alter von 3 bis 50 Jahren und verteilt auf 6 Klassen.

Weiter Infos zur Einrichtung hier: http://www.freunde-waldorf.de/waldorf-weltweit/einrichtungen-weltweit/kolumbien/medellin-arca-mundial.html

Nach einem Monat des Kennenlernens der verschiedenen Klassen, die hier umgangssprachlich „Salons“ genannt werden, haben wir Freiwillige uns nun auf die 6 Salons aufgeteilt. Ich werde nach fünf Monaten mit einem Mitfreiwilligen den Salon tauschen, um auch noch mit einer anderen Gruppe arbeiten zu können.

Ein typischer Arbeitstag in meinem Salon beginnt um 8Uhr mit einem Smalltalk über den vergangenen Tag, genauer über die Zeit die nicht in der Fundacion verbracht wurde. Gewöhnlich fragt Andres, der Leiter des Salons, nach dem Essen, dem Befinden, dem Zubettgehen oder nach sonstigen Aktivitäten. Aufgrund meiner wie zu erwartend miesen Spanischkenntnisse endet die Unterredung, wenn sie denn wie immer bei mir endet, mit dem Austausch über den vergangenen Premier League, Bundesliga oder Champions League Spieltag. Wahlweise auch mit historischen sportlichen Ereignissen oder Persönlichkeiten. Was von den Muchachos eher mit Desinteresse verfolgt wird, uns aber anscheinend nicht am Rumschwadronieren stören muss.

Nach ca. einer halben Stunde, je nach Laune Andres‘ und der Gruppe, wird die Raumwahrnehmung geschult, gängiges Mittel in einer anthroposophischen Einrichtung ist hier die Eurhythmie. Diese ich erstaunlicherweise, im Gegensatz zum Spanischen, gut beherrsche. Übungen mit Rhythmus und dem Weitergeben von Stöcken, gehören ebenfalls zum allmorgendlichen Repartoir.

Es folgt der zentrale Aspekt meines Salons:  die Weberei. Es gibt einen großen und einen kleinen Webstuhl an denen täglich gearbeitet wird. Bei dieser Tätigkeit, die mir durch den Besuch einer Waldorfschule, sagen wir mal, nicht komplett unbekannt ist, kommt es auf unbedingte Konzentration und Fingerfertigkeit an. Die ständige Wiederholung der Arbeitsschritte sorgt für eine Routine beim Arbeiten und gibt den Muchachos, welche lange brauchen, um Arbeitsschritte zu verinnerlichen, einen Halt. Außerdem schult es Konzentration und Motorik.        

Gegen 11Uhr gibt es Media Manana, eine Kleinigkeit zu essen. Danach gibt es eine halbstündige Pause bei der  im Hof erholt, gescherzt oder rumgetobt wird.

Bis zum Mittagessen um 12Uhr wird das Lesen und Schreiben geübt. Durch Abschreiben von Backrezepten, die später verwendet werden, oder dem Bilden von Worten durch Buchstabenkärtchen, wird ein Gefühl für Buchstabe und Aussprache entwickelt. Dabei wird auf die unterschiedlichen Ansprüche der Muchachos in der Gruppe eingegangen.

Jeden Dienstag ist vom Media Manana bis zum Mittagessen auf einem nahegelegenen Universitätscampus Bewegung angesagt. Mit verschiedenen kleinen Spielchen, die Koordination, Geschicklichkeit und Ausdauer ansprechen, kommt man bei der aggressiven Mittagssonne schnell ins Schwitzen.  

Das Mittagsessen ist, wie alle Speisen hier, sehr abwechslungsreich und ausgewogen. Es gibt Reis, Mais, Bohnen, Kochbananen, Kartoffeln, Fleisch, Avocados und zahlreiche weitere tropische Obst- und Gemüsesorten.

Nach dem Mittagessen, bei dessen Zubereitung und Organisation immer auch die Muchachos eingebunden sind, folgt eine lange Pause bis um 14Uhr.

Der Block von 14Uhr bis 16Uhr wird wahlweise mit Weben, einem Sparziergang, einer Backstunde und jeden Freitag mit dem Chor besetzt. Mittwochs ist der Schultag für die Muchachos nach dem Mittagessen beendet. Stattdessen ist Lehrerkonferenz. An der nehmen, neben den Lehrern, auch wir Freiwillige und der Einrichtung nahe Personen teil. Hier geht es um die Planung von Schulveranstaltungen und andere, die Einrichtung betreffende Themen. Außerdem stellt eine Lehrkraft, die Freiwilligen miteingeschlossen, bei jeder Konferenz ein Themengebiet vor.  Hierbei spielt die anthroposophische Sichtweise auf das Thema eine wichtige Rolle.

Um 16Uhr folgt das Algo(Etwas), bei dem es eine Kleinigkeit zu Essen, und wie zu jeder Mahlzeit, frischgepressten Saft gibt. Die Säfte werden aus Mango und Papaya oder auch aus uns völlig unbekannten tropischen Früchten gepresst.

Von 16Uhr bis 17Uhr werden die Muchachos nach und nach abgeholt. In dieser Zeit spielen wir in unserem Salon Domino oder Ligretto(Kartenspiel).